Zuckersteuer ab 2028 — gut, dass sie kommt. Schade, dass es so lange gedauert hat.
Auf einen Blick
– Deutschland führt 2028 eine Zuckersteuer auf Softdrinks ein.
– Über 100 Länder weltweit haben das längst — Großbritannien seit 2018, Frankreich, Portugal, Spanien, Polen, Estland und viele mehr.
– Deutsche konsumieren rund 26 g Zucker pro Tag über zuckerhaltige Getränke — fast dreimal so viel wie Italiener:innen oder Portugies:innen (jeweils 10 g).
– Die WHO empfiehlt deutlich weniger als 25 g Zucker pro Tag — also unter 5 % der Energiezufuhr.
– Aus ärztlicher Sicht: ein wichtiger, aber sehr später Schritt. Und nur einer von vielen, die wir bräuchten.
Wenn eine Patientin mir sagt, sie trinke ja gar keinen Alkohol — aber täglich drei Cola — dann atme ich kurz durch. Nicht aus Erziehungsdrang. Sondern weil ich weiß, dass ich gleich nicht nur ihre Laborwerte sehe, sondern auch ein Stück deutscher Gesundheitspolitik.
In den letzten Tagen ging eine Nachricht durch die Fachpresse, die viele meiner Kolleginnen und Kollegen wie auch mich gleichzeitig freut und ärgert: Die Koalition hat sich auf eine Zuckersteuer für Softdrinks geeinigt. Cola, Limo und Co. werden ab 2028 etwas teurer.
Ehrlich? Das ist überfällig. Und es ist — entschuldige meine Direktheit — für ein Land wie Deutschland ein bisschen peinlich.
Was ist die Zuckersteuer überhaupt?
Die Zuckersteuer (offiziell: Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke) ist eine staatliche Abgabe, die Hersteller dazu bringen soll, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu senken oder ein höheres Preis-Schild zu akzeptieren. Sie greift in der Regel ab einer bestimmten Zuckermenge pro 100 ml und wird gestaffelt erhoben.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Was teurer wird, wird seltener konsumiert. Und was die Industrie für zu teuer hält, formuliert sie um. Genau das hat in Großbritannien funktioniert — dazu gleich mehr.
Warum jetzt? Und warum so spät?
Die Forderung nach einer Zuckersteuer ist in Deutschland kein neues Thema. Sie steht seit gut 15 Jahren im Raum. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), das Wissenschaftsbündnis DANK (Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten) und zuletzt fast 4.000 Ärztinnen, Ärzte und Diabetesberater:innen haben in einem gemeinsamen Brief noch einmal eindringlich darauf hingewiesen. Erst jetzt — nach mehreren gescheiterten Anläufen — bewegt sich endlich etwas.
Aus ärztlicher Sicht ist das ein „endlich“ mit einem leisen, langen Seufzer. Denn der Schaden, der in der Zwischenzeit entstanden ist, lässt sich nicht zurückspulen.
Wir sind Europameister — beim Zuckerkonsum
Schau dir kurz diese Zahlen an. Sie stammen aus einem Foodwatch-Bericht (2024) und zeigen den durchschnittlichen Zuckerkonsum aus Süßgetränken pro Person und Tag in europäischen Ländern:
| Land | Zucker aus Süßgetränken pro Tag |
|---|---|
| 🇩🇪 Deutschland | 26 g |
| 🇦🇹 Österreich | 23 g |
| 🇳🇱 Niederlande | 20 g |
| 🇸🇪 Schweden | 18 g |
| 🇧🇪 Belgien | 17 g |
| 🇬🇧 Großbritannien | 16 g |
| 🇫🇷 Frankreich | 15 g |
| 🇪🇸 Spanien | 13 g |
| 🇵🇹 Portugal | 10 g |
| 🇮🇹 Italien | 10 g |
Wir trinken 2,6-mal so viel Zucker wie unsere italienischen oder portugiesischen Nachbar:innen. Allein über Getränke. Süßigkeiten, Müsliriegel, Brot, Joghurt, Saucen — alles noch nicht eingerechnet.
Und weil ich es als Internistin nicht oft genug sagen kann: Dieser Zucker landet nicht „einfach so“ im Körper. Er treibt Insulinspitzen, fördert viszerales Bauchfett, befeuert stille Entzündungsprozesse und ist über Jahre einer der zentralen Treiber von Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber, PMOS (früher PCOS) — und wahrscheinlich auch von kognitiven Veränderungen im Alter.
Was Großbritannien uns voraus hat
Großbritannien hat seine Zuckersteuer 2018 eingeführt. Was ist passiert? Nicht etwa, dass die Briten plötzlich weniger Cola tranken — sondern dass die Hersteller ihre Rezepturen änderten, um unter der Steuer-Schwelle zu bleiben. Der durchschnittliche Zuckergehalt britischer Limonaden sank um rund 30 % — und das, ohne dass irgendjemand ein einziges Gesundheitsplakat gelesen hätte.
Und Großbritannien ist gerade dabei, die nächsten Schritte zu gehen: ab Januar 2028 wird die Steuer auf Milchgetränke und pflanzliche Alternativen mit hohem Zuckergehalt ausgeweitet, und die untere Steuer-Schwelle wird von 5 g auf 4 g Zucker pro 100 ml abgesenkt.
Während wir in Deutschland erstmal anfangen, verschärfen die Briten schon nach. Das ist ein deutlicher Unterschied im Bewusstsein für Prävention.
Mein persönlicher Standpunkt
Hier wird es kurz unbequem — und das soll es auch.
Deutschland gilt international als ein Land mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. Wir haben hervorragend ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, hochmoderne Kliniken, eine starke medizinische Forschung. Was wir nicht haben, ist eine ernsthafte Präventionskultur.
Wenn ein 14-jähriges Mädchen ein vierfach erhöhtes Risiko für Adipositas im Erwachsenenalter hat, weil es regelmäßig zuckerhaltige Limo trinkt — und das mit klarem epidemiologischem Konsens beschrieben ist — dann ist die naheliegende Antwort eines verantwortungsvollen Staates nicht „Wir reden mal mit der Industrie“. Dann ist die Antwort: handeln.
Italien, Spanien, Portugal, Frankreich — alles keine perfekten Länder. Aber alle setzen Prävention höher als wir. Sie verstehen, dass jede gesundheitspolitische Entscheidung heute eine medizinische Realität in 15 Jahren ist. Sie haben begriffen, dass Volksgesundheit nicht nur in Praxen und Krankenhäusern entsteht, sondern auch im Supermarktregal, in der Werbung und in der Schule.
In meiner Praxis sehe ich Tag für Tag, was passiert, wenn ein Land seine Stoffwechsel-Generation systematisch im Stich lässt:
– chronische Müdigkeit bei 35-jährigen Frauen
– nicht eingestellte Insulinresistenz lange vor der Diagnose Diabetes
– Bauchfett trotz schlanker Beine
– Heißhunger, Schlafstörungen, Stimmungstiefs
Das sind keine seltenen Einzelfälle. Das ist eine Generation, die in einer dauerhaft entzündeten Stoffwechsellage lebt — und das hat strukturelle Gründe, nicht individuelles Versagen.
Die Zuckersteuer ist ein wichtiger Schritt. Aber sie ist nur ein Schritt von vielen.
Was du selbst tun kannst — auch ohne Steuer
Die schlechte Nachricht: Auf die Politik zu warten, kostet dich Lebenszeit. Die gute Nachricht: Du brauchst keine Steuer, um morgen anders zu trinken und zu essen.
Aus meiner Praxis-Erfahrung sind das die wirksamsten ersten Schritte:
- Trink Wasser oder ungesüßten Tee als Standard — Cola und Limo sind die Ausnahme, nicht die Regel.
- Versteckter Zucker in „gesund“ wirkenden Produkten (Smoothies, Müsliriegel, Joghurts, „Fitness“-Getränke) — Etikett lesen lohnt sich.
- Frühstücke eiweißbetont — das hält den Blutzucker stabil und reduziert Heißhunger über den Tag.
- Nimm Mikronährstoffe ernst: Magnesium, Chrom, Inositol und Omega-3 unterstützen die Insulinregulation; B-Vitamine in bioaktiver Form helfen dem Energiestoffwechsel.
- Bewegung nach den Mahlzeiten — selbst 10 Minuten Spaziergang glätten die Glukosekurve deutlich.
- Schlaf zuerst — ohne ausreichenden Schlaf werden Heißhunger und Insulinresistenz immer wieder „aufgeladen“.
Wenn du in dir das Gefühl hast, dass deine Beschwerden — Erschöpfung, Heißhunger, hartnäckiges Bauchfett, Konzentrationsprobleme — eine stoffwechselbiologische Dimension haben, lohnt sich ein ärztlicher Blick auf Mikronährstoffe, Insulinregulation und Entzündungsmarker. Standardlabor reicht hier in der Regel nicht.
Häufige Fragen zur Zuckersteuer
Wird die Zuckersteuer Süßgetränke wirklich teurer machen?
Ja — voraussichtlich um wenige Cent pro Flasche. Wichtiger ist aber: Die meisten Hersteller werden ihre Rezepturen anpassen und den Zuckergehalt senken, um unter der Steuer-Schwelle zu bleiben. So lief es auch in Großbritannien.
Gilt die Steuer auch für Fruchtsäfte?
Bisher nicht. Auch wenn natürlich vorkommende Zucker biochemisch ähnlich wirken wie zugesetzter Zucker, betrifft die geplante deutsche Steuer zugesetzten Zucker in Erfrischungsgetränken.
Was ist mit Süßstoffen — sind die besser?
„Besser“ ist relativ. Süßstoffe sind kalorienfrei, beeinflussen aber das Mikrobiom, das Sättigungsgefühl und vermutlich auch die Insulinregulation. Eine pauschale Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Aus meiner Sicht: Wasser bleibt die beste Antwort.
Wieviel Zucker pro Tag ist eigentlich noch okay?
Die WHO empfiehlt maximal 25 g freien Zucker pro Tag für Erwachsene — das entspricht etwa 6 Teelöffeln. Eine einzige 0,5-l-Cola enthält bereits 53 g.
Wann genau kommt die Steuer?
Nach aktuellem Stand soll das Gesetz ab 2028 in Kraft treten.
Mein Fazit
Die deutsche Zuckersteuer ist eine gute Nachricht — und ein verspätetes Eingeständnis, dass Markt und Eigenverantwortung allein keine Volksgesundheit machen. Andere europäische Länder haben das vor über zehn Jahren verstanden und gehandelt.
Wir können stolz auf unsere Medizin sein. Aber wir sollten ehrlich sein bei der Prävention.
Und bis sich politisch etwas wirklich bewegt: Du kannst heute schon weniger Zucker trinken, ausgewogener essen, deinen Stoffwechsel ernst nehmen — und dir, wenn du tiefer hinschauen willst, einen ärztlichen Blick auf deine individuelle Lage holen.
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Über die Autorin
Dr. med. Ina Lohmann führt in Arnsberg im Sauerland eine Privatpraxis für integrative und funktionelle Medizin. Als Fachärztin für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnungen Naturheilverfahren sowie Hämatologie und Internistische Onkologie verbindet sie schulmedizinische Tiefe mit ganzheitlichen Therapien aus Mikronährstoffmedizin, Hormontherapie und Naturheilverfahren. Schwerpunkte: Stoffwechsel, Frauengesundheit, Wechseljahre, chronische Erschöpfung, komplementäre Begleitung onkologischer Patientinnen, Longevity.
Quellen
- Medical Tribune, 22. Mai 2026, Ausgabe 10, S. 31 — Zuckersteuer auf Softdrinks kommt (Angela Monecke).
- Foodwatch: Zuckergehalt-Vergleich europäischer Süßgetränke (2024), Quelle: Euromonitor.
- Frontiers in Public Health (Dezember 2024) — Studie zum Zusammenhang zuckerhaltiger Getränke und Herz-Kreislauf-Erkrankungen / Typ-2-Diabetes.
- WHO: Guideline: Sugars intake for adults and children (2015), maximale Empfehlung freier Zucker < 10 % der Energiezufuhr, idealerweise < 5 %.
- Niedermaier T. et al. (2021) — Vitamin-D-Supplementierung und vermeidbare Krebsmortalität.
Stand des Beitrags: 29. Mai 2026.