Vor ein paar Jahren stand ich an einem Punkt, den viele Kolleginnen und Kollegen kennen: medizinisch geht das, was ich tun möchte, im Klinik- und Kassenarzt-Alltag nicht mehr. Zu wenig Zeit, zu viel Verwaltung, zu wenig Raum für das, was Patientinnen wirklich hilft. Der Gedanke „eigene Privatpraxis“ war verlockend — und beängstigend. Heute führe ich eine in Arnsberg. Was ich unterwegs gelernt habe, teile ich hier ehrlich.
Warum Privatpraxis — und warum nicht?
Die häufigste Antwort: „Weil ich endlich Zeit für meine Patientinnen haben will.“ Das ist ein guter Startpunkt, aber kein Geschäftsmodell. Privatpraxis heißt: du entscheidest, wie du arbeitest. Aber du trägst auch das unternehmerische Risiko, baust Patientenstamm selbst auf, und niemand füllt dir den Kalender.
Privatpraxis ist das Richtige für dich, wenn du:
- Medizinisch eine klare Ausrichtung hast (Fachgebiet + Methode)
- Bereit bist, die ersten 12–24 Monate finanziell eng zu rechnen
- Marketing, Buchhaltung und Praxismanagement nicht als Feindbild siehst
- Mit einsamen Entscheidungen leben kannst
Privatpraxis ist nicht das Richtige, wenn du primär sicheres Einkommen und geregelte Arbeitszeiten willst. Das bekommst du in der Klinik oder als angestellte Ärztin verlässlicher.
Was der BWL-Teil der Medizinausbildung vermisst
Die Approbation ist eine hervorragende fachliche Ausbildung. Betriebswirtschaftlich gesehen schickt sie dich jedoch nackt auf den Markt. Was mir niemand im Studium erklärt hat:
- Preiskalkulation und Honorarvereinbarung (GOÄ richtig anwenden)
- Steuerliche Gestaltung (Einzelpraxis vs. GbR vs. PartG)
- Datenschutz und Archivierungspflichten
- Praxiseinrichtung: was wirklich investiert werden muss, was Luxus ist
- Praxissoftware und Digitalisierung
- Marketing im Heilwesen (HWG, Berufsordnung — enge Grenzen)
Wer diese Themen ausblendet, scheitert nicht an der Medizin, sondern an der Buchhaltung. Ich empfehle: mindestens ein Jahr vor dem Schritt einen Steuerberater mit Ärzteschwerpunkt einbeziehen — und einen unabhängigen Gründungscoach.
GOÄ: warum das Thema unterschätzt wird
Die Gebührenordnung für Ärzte sieht auf den ersten Blick einfach aus. Die Realität: Privatpatientinnen bekommen deine Rechnung von der Versicherung nur dann voll erstattet, wenn du sauber und nachvollziehbar abrechnest. Jede Unklarheit führt zu Nachfragen, Rückerstattungsforderungen und Kundenfrust.
Eine Abdingungserklärung (individuelle Honorarvereinbarung) ist bei bestimmten Leistungen nicht nur zulässig, sondern zur Einnahmensicherung unverzichtbar. Viele Ärztinnen wissen das nicht und leiden jahrelang unter schwankenden Einnahmen.
Marketing als Ärztin — wo die meisten scheitern
Das Heilmittelwerbegesetz (HWG) und die ärztliche Berufsordnung setzen dem Marketing von Ärztinnen enge Grenzen. Was heißt das konkret? Keine reißerischen Heilversprechen, keine Vergleiche mit Kolleginnen, keine Vorher-Nachher-Bilder bei bestimmten Eingriffen. Aber sehr wohl Aufklärung, fachliche Einordnung, Erklärung von Methoden — also genau das, was ich hier im Blog tue.
Das stärkste Marketing-Instrument einer Privatpraxis ist thematische Autorität: Blog, Vorträge, Podcast-Interviews, Google-Rezensionen. Ein großes Budget ersetzt kein echtes Expertinnenprofil.
Die ersten 12 Monate: was mich überrascht hat
- Anrufe, Anfragen, Termine dauern viel länger pro Fall, als man rechnet — reserviere 20 % mehr Zeit pro Patientin als geplant.
- Nicht-medizinische Arbeit (Abrechnung, Marketing, Praxisorganisation) macht 30–40 % des Tages aus.
- Empfehlungen kommen erst nach Monat 6 in Bewegung — geduldig bleiben.
- Einsamkeit ist real. In Kliniken gibt es Kolleginnen-Flurgespräche. In der Privatpraxis fehlt das — suche dir aktiv Peer-Groups.
- Die Qualität deiner Arbeit spricht sich schneller herum als du denkst. Einmal pro Quartal kommt eine Patientin, die sagt: „Ich war bei 7 Ärzt:innen. Du bist die erste, die zuhört.“
Mein Rat für Ärztinnen, die es wagen
- Finde deinen Kern: Was willst du wirklich anbieten? Werde darin richtig gut, bevor du breit startest.
- Rechne konservativ: Plane mit 50 % der erhofften Patientenzahlen im ersten Jahr. Alles darüber ist Bonus.
- Verkaufe Zeit, nicht Tabletten: Deine USP ist das Gespräch, die Diagnostik-Tiefe, die Ursachensuche.
- Baue Autorität auf: ein guter Blogartikel im Monat schlägt jede bezahlte Anzeige.
- Such dir Mitstreiterinnen: regelmäßige Supervision oder Peer-Austausch rettet dich in den anstrengenden Wochen.
Häufige Fragen
Lohnt sich eine reine Privatpraxis finanziell?
Ja, wenn du strategisch startest. Nach 18–24 Monaten liegt das Einkommen in vergleichbaren Facharztgruppen meist über dem Klinik-Oberarzt-Niveau. Die ersten 12 Monate sind aber eng.
Wie viele Patientinnen braucht man für eine Privatpraxis?
Je nach Honorarstruktur und Gesprächsdauer: bei 60-Minuten-Erstgesprächen und Folgeterminen reichen 8–12 Patientinnen pro Tag für solide Deckung. Das lässt sich nicht auf Klinikvolumen-Denken übertragen.
KV-Zulassung behalten oder komplett aufgeben?
Meine persönliche Empfehlung: klar trennen. Wer als Privatpraxis antritt, sollte nicht parallel KV-Leistungen abrechnen — das ist rechtlich und organisatorisch aufwendig und trübt das Profil.
Wie lange dauert eine realistische Gründung?
Vom ersten Entschluss bis zur ersten Patientin: 6–9 Monate, wenn alles parallel läuft. Praxisräume, Heilberufsausweis, Datenschutz, Praxissoftware, Website, Abrechnungssystem — jeder Baustein braucht seine Zeit.
Du überlegst, den Schritt in die Privatpraxis zu gehen, und möchtest aus echter Erfahrung schöpfen? Ich halte regelmäßig Vorträge für Ärzt:innen und Führungskräfte im Gesundheitswesen. Zu Vorträgen & Coaching →