Coaching & Vorträge · 25.03.2026 · 4 Min Lesezeit

Privatpraxis wagen — was ich Ärztinnen heute raten würde

Privatpraxis wagen — was ich Ärztinnen heute raten würde
Auf einen Blick
Eine Privatpraxis zu gründen heißt: medizinisch arbeiten wie du willst, unternehmerisch denken lernen, Alternativen zur Zulassung ernst prüfen. Drei häufig unterschätzte Hürden, fünf konkrete Ratschläge — und ein ehrlicher Blick auf die ersten 12 Monate.

Vor ein paar Jahren stand ich an einem Punkt, den viele Kolleginnen und Kollegen kennen: medizinisch geht das, was ich tun möchte, im Klinik- und Kassenarzt-Alltag nicht mehr. Zu wenig Zeit, zu viel Verwaltung, zu wenig Raum für das, was Patientinnen wirklich hilft. Der Gedanke „eigene Privatpraxis“ war verlockend — und beängstigend. Heute führe ich eine in Arnsberg. Was ich unterwegs gelernt habe, teile ich hier ehrlich.

Warum Privatpraxis — und warum nicht?

Die häufigste Antwort: „Weil ich endlich Zeit für meine Patientinnen haben will.“ Das ist ein guter Startpunkt, aber kein Geschäftsmodell. Privatpraxis heißt: du entscheidest, wie du arbeitest. Aber du trägst auch das unternehmerische Risiko, baust Patientenstamm selbst auf, und niemand füllt dir den Kalender.

Privatpraxis ist das Richtige für dich, wenn du:

Privatpraxis ist nicht das Richtige, wenn du primär sicheres Einkommen und geregelte Arbeitszeiten willst. Das bekommst du in der Klinik oder als angestellte Ärztin verlässlicher.

Was der BWL-Teil der Medizinausbildung vermisst

Die Approbation ist eine hervorragende fachliche Ausbildung. Betriebswirtschaftlich gesehen schickt sie dich jedoch nackt auf den Markt. Was mir niemand im Studium erklärt hat:

Wer diese Themen ausblendet, scheitert nicht an der Medizin, sondern an der Buchhaltung. Ich empfehle: mindestens ein Jahr vor dem Schritt einen Steuerberater mit Ärzteschwerpunkt einbeziehen — und einen unabhängigen Gründungscoach.

GOÄ: warum das Thema unterschätzt wird

Die Gebührenordnung für Ärzte sieht auf den ersten Blick einfach aus. Die Realität: Privatpatientinnen bekommen deine Rechnung von der Versicherung nur dann voll erstattet, wenn du sauber und nachvollziehbar abrechnest. Jede Unklarheit führt zu Nachfragen, Rückerstattungsforderungen und Kundenfrust.

Eine Abdingungserklärung (individuelle Honorarvereinbarung) ist bei bestimmten Leistungen nicht nur zulässig, sondern zur Einnahmensicherung unverzichtbar. Viele Ärztinnen wissen das nicht und leiden jahrelang unter schwankenden Einnahmen.

Marketing als Ärztin — wo die meisten scheitern

Das Heilmittelwerbegesetz (HWG) und die ärztliche Berufsordnung setzen dem Marketing von Ärztinnen enge Grenzen. Was heißt das konkret? Keine reißerischen Heilversprechen, keine Vergleiche mit Kolleginnen, keine Vorher-Nachher-Bilder bei bestimmten Eingriffen. Aber sehr wohl Aufklärung, fachliche Einordnung, Erklärung von Methoden — also genau das, was ich hier im Blog tue.

Das stärkste Marketing-Instrument einer Privatpraxis ist thematische Autorität: Blog, Vorträge, Podcast-Interviews, Google-Rezensionen. Ein großes Budget ersetzt kein echtes Expertinnenprofil.

Die ersten 12 Monate: was mich überrascht hat

Mein Rat für Ärztinnen, die es wagen

Häufige Fragen

Lohnt sich eine reine Privatpraxis finanziell?

Ja, wenn du strategisch startest. Nach 18–24 Monaten liegt das Einkommen in vergleichbaren Facharztgruppen meist über dem Klinik-Oberarzt-Niveau. Die ersten 12 Monate sind aber eng.

Wie viele Patientinnen braucht man für eine Privatpraxis?

Je nach Honorarstruktur und Gesprächsdauer: bei 60-Minuten-Erstgesprächen und Folgeterminen reichen 8–12 Patientinnen pro Tag für solide Deckung. Das lässt sich nicht auf Klinikvolumen-Denken übertragen.

KV-Zulassung behalten oder komplett aufgeben?

Meine persönliche Empfehlung: klar trennen. Wer als Privatpraxis antritt, sollte nicht parallel KV-Leistungen abrechnen — das ist rechtlich und organisatorisch aufwendig und trübt das Profil.

Wie lange dauert eine realistische Gründung?

Vom ersten Entschluss bis zur ersten Patientin: 6–9 Monate, wenn alles parallel läuft. Praxisräume, Heilberufsausweis, Datenschutz, Praxissoftware, Website, Abrechnungssystem — jeder Baustein braucht seine Zeit.

Du überlegst, den Schritt in die Privatpraxis zu gehen, und möchtest aus echter Erfahrung schöpfen? Ich halte regelmäßig Vorträge für Ärzt:innen und Führungskräfte im Gesundheitswesen. Zu Vorträgen & Coaching →

IL
Dr. Ina Lohmann
Fachärztin · Hämato-Onkologie · Naturheilverfahren
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