Migräne trifft rund jede vierte Frau und jeden zehnten Mann. Die pharmakologische Therapie ist in den letzten Jahren besser geworden — besonders die CGRP-Antikörper sind ein echter Fortschritt. Aber nicht alle vertragen die Medikamente, und viele Betroffene suchen zusätzlich nach nicht-pharmakologischen Ansätzen. IHHT — Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training — ist einer der interessantesten. Neue Daten aus 2025 bestätigen, was ich in der Praxis beobachte.
Was ist IHHT genau?
IHHT steht für Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training. Du atmest abwechselnd durch eine Maske:
- Hypoxie-Phasen — sauerstoffarme Luft (10–12 % O₂), 4–7 Minuten
- Hyperoxie-Phasen — sauerstoffreiche Luft (30–40 % O₂), 2–3 Minuten
- 5–7 Zyklen pro Sitzung, insgesamt 30–45 Minuten
- 10–15 Sitzungen in der Serie, 2–3 mal wöchentlich
Das Prinzip: die Zellen werden sanft gestresst (Hypoxie) und dann schnell versorgt (Hyperoxie). Dieser Wechsel ist ein starker Reiz für Mitochondrien-Neubildung und Mitochondrien-Reparatur.
Warum könnte IHHT bei Migräne helfen?
Migräne ist — das wird zunehmend klar — eine neurovaskuläre Erkrankung mit energetischer Komponente. Die Gehirne von Migräne-Patient:innen zeigen in Studien:
- Reduzierte Mitochondrien-Funktion
- Erhöhten oxidativen Stress
- Gestörte energetische Reservekapazität vor dem Anfall
- Veränderte Gefäßreaktivität
Genau hier setzt IHHT an: es trainiert die Mitochondrien und verbessert die zelluläre Sauerstoffnutzung. In kleinen Pilot-Studien wurden die Migränefrequenz, die Anfallsdauer und die Medikamentennutzung gesenkt.
Nach 15 IHHT-Sitzungen zeigten Migräne-Patient:innen eine durchschnittliche Reduktion der Migränetage um 42 Prozent, signifikant gegenüber Placebo.
Pilot-RCT, Journal of Headache and Pain 2025
Was die aktuelle Studienlage wirklich zeigt
Die Datenlage ist vielversprechend, aber noch nicht Leitlinienniveau. Drei Pilotstudien aus 2024–2025 zeigen übereinstimmend:
- Reduktion der Migränetage pro Monat um 30–50 %
- Verkürzung der Anfallsdauer
- Geringerer Triptan-Verbrauch
- Besserung der Begleiterschöpfung (wichtig bei chronischer Migräne)
Was noch fehlt: große randomisierte Multi-Center-Studien. Drei laufen derzeit in Europa — mit Ergebnissen in 2027–2028 ist zu rechnen.
Für welche Migräne-Patient:innen ist IHHT besonders interessant?
- Chronische Migräne (mehr als 15 Migränetage/Monat)
- Medikamentös schwer einstellbar — wenn Triptane, Beta-Blocker, Topiramat nicht gut vertragen werden
- Begleitende Fatigue — IHHT adressiert beides
- Post-Covid-Migräne — häufiger seit 2020, IHHT oft besonders wirksam
- Hormonelle Migräne (perimenopausal) — gute Erfahrungen in meiner Praxis
Wie läuft IHHT in der Praxis ab?
- Voruntersuchung: Lungenfunktion, EKG, Anamnese, Ausschluss von Kontraindikationen
- Basis-Messung: O₂-Sättigung, Herzfrequenz, ggf. Spiroergometrie
- Sitzungen 1–3: sanfte Eingewöhnung mit leichten Sauerstoff-Schwankungen
- Sitzungen 4–15: standardisierte Protokolle, kontinuierliches Monitoring
- Re-Evaluation nach Sitzung 10 und nach Ende der Serie
Die Sitzung selbst ist entspannend — viele Patient:innen dosieren in Ruhe oder lesen. Nach einer Sitzung fühlen sich die meisten klarer und wacher, manche haben einen kurzen Kopfschmerz (verschwindet nach 2–3 Sitzungen).
Gibt es Nebenwirkungen?
- Leichter Schwindel während der Hypoxie-Phase (härt nach 1–2 Sitzungen auf)
- Kurze Erschöpfung nach der ersten Sitzung
- Gelegentlich vorübergehende Kopfschmerzen (paradoxerweise)
- Sehr selten: Bluthochdruck-Spitzen bei Patient:innen mit unklarem Hochdruck — deshalb Voruntersuchung Pflicht
Kontraindikationen: unkontrollierter Bluthochdruck, akute Infektion, Schwangerschaft (wenig Daten), schwere koronare Herzkrankheit, schwere Lungenerkrankung.
Kombination mit Medikamenten
IHHT wird nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu bestehender Migränemedikation angeboten. Viele Patient:innen reduzieren nach 10–15 Sitzungen ihre Prophylaktika freiwillig — in Absprache mit der behandelnden Neurologin. Akute Triptan-Einnahme bleibt verfügbar, wird aber oft seltener nötig.
Häufige Fragen
Zahlt die Krankenkasse IHHT?
Nein, IHHT ist Privatleistung. Kostenpunkt: 600–1.200 € pro Serie (je nach Anbieter und Sitzungsanzahl). Einige Privatversicherungen übernehmen bei guter Begründung.
Was ist der Unterschied zu Höhentraining?
Höhentraining ist kontinuierliche Hypoxie über Tage/Wochen. IHHT ist zyklische Hypoxie-Hyperoxie in kurzen Phasen — der schnellere und für die Mitochondrien effektivere Reiz. Auch: IHHT ist medizinisch überwacht.
Wie lange hält die Wirkung?
Nach einer erfolgreichen Serie von 10–15 Sitzungen hält der Effekt typischerweise 6–12 Monate. Danach sind Auffrischungs-Sitzungen alle 4–8 Wochen sinnvoll, je nach individueller Reaktion.
Kann ich IHHT zu Hause machen?
Es gibt mobile Geräte für zu Hause. Meine Empfehlung: erst eine ärztlich begleitete Serie, dann ggf. Heim-Erhaltungsgerät. Nicht ohne Voruntersuchung starten.
Chronische Migräne, und Medikamente allein reichen nicht? IHHT kann ein wichtiger zusätzlicher Baustein sein — mit wachsender Evidenz. Zur Warteliste →